VOR 150 JAHREN: VON DER „GOTTESACKERTORSTRASSE“ ZUR „MELANCHTHONSTRASSE“

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Am 20. April 1859 beschloss der Brettener Gemeinderat, die bisherige „Gottesackertorstraße“ umzubenennen: „Melanchthonstrasse“ sollte sie künftig heißen und damit an Philipp Melanchthon, den bedeutendsten Sohn der Stadt erinnern. Die Umbenennung betraf die wohl wichtigste Straße der Stadt, an der die Geschichte zahlreiche Spuren hinterlassen hat.

Als dauerhafte Siedlung wurde Bretten um 500 n. Chr. von den Franken gegründet. Bereits aus dem 6. und 7. Jahrhundert und damit aus der Frühzeit von Bretten stammen fränkische Gräber, die 1924 unweit der Straße, im Bereich des späteren Gottesackertors, gefunden wurden. Das Gottesackertor selbst, eines der drei für den überörtlichen Verkehr bedeutenden Stadttore Brettens, wurde im Jahr 1480 erstmals urkundlich erwähnt. Die Tore wurden im Hochmittelalter und damit zu einer Zeit errichtet, als Bretten sich zu einem bedeutenden Verkehrsknotenpunkt entwickelt hatte. Hier kreuzten sich drei bedeutende Fernhandelsstraßen. Wer von Paris nach Prag, von Frankfurt nach Innsbruck oder von Köln nach Mailand reiste, kam über Bretten. Diese günstige Verkehrslage begründete den Reichtum der Stadt. Durch die alte „Gottesackertorstrasse“ führte der Weg zum westlichen Stadttor und damit zur kurpfälzischen Residenzstadt Heidelberg und weiter zur Frankfurter Messe.

Welche Bedeutung diese Straße hatte, geht bereits aus der 1349 ausgestellten Urkunde hervor, in der der Übergang Brettens von den Ebersteiner Grafen an die Kurpfalz geregelt wurde. Darin war ausdrücklich festgehalten, dass Bretten an der „fryen straßen des riches“ (der freien Reichsstraße) gelegen sei, die von Cannstadt über Vaihingen und Bretten zum Rhein führte. Innerstädtisch war die spätere Melanchthonstraße Teilstück dieser freien Reichsstraße. Nachdem im Westen der Stadt, ein Stück weit vor der Stadtmauer (erst im heutigen Einmündungsbereich der Hirschstraße, danach im Bereich der späteren „Zichorienfabrik“) ein Friedhof („Gottesacker“) angelegt worden war, bürgerte sich für das westliche Stadttor, das anfänglich „Diedelsheimer Tor“ genannt wurde, der Name „Gottesackertor“ ein. Die vom Marktplatz dorthin führende Straße trug daher bald Namen wie „Gottesackerstraße“, „Gottesackergasse“ oder „Gottesackertorstrasse“.

1497 wurde in einem Haus, das am Übergang vom Marktplatz zu dieser Straße lag, Philipp Schwartzerdt, der spätere Reformator Melanchton, geboren. Das Anwesen gehörte seinem Großvater, dem Tuch- und Lederhändler Johann Reuter, der in den Jahren um 1500 als reichster Mann in Bretten galt. Als die Verteidiger Brettens bei der württembergischen Belagerung im Jahre 1504 ihren Ausfall wagten, sammelten sie sich auf dem Marktplatz und zogen durch die westliche Hauptstrasse der Stadt zum Gottesackertor hinaus. Georg Schwartzerdt, der Bruder Melanchthons, beschrieb diese Vorgänge später in seiner Chronik der Belagerung, auch er bewohnte das noch bis um 1560 in Familienbesitz befindliche Anwesen am Anfang der Straße. Im darauffolgenden Jahrhundert allerdings geriet das Gebäude in Verfall: 1667 beschrieben es Reisende (zwei in der gegenüberliegenden Herberge zur „Krone“ logierende Prinzen aus dem thüringischen Gotha) als wenig ansehnlich und verwahrlost. Nur 22 Jahre später, beim großen Stadtbrand von Bretten im Jahre 1689, wurde es wie alle übrigen Häuser in der Straße vollständig zerstört.

Zu jenen Häusern an der Strasse, die 1689 dem Stadtbrand zum Opfer fielen, gehörte auch das Brettener Zehnthaus des Nonnenklosters Frauenalb, von dem aus die umfangreichen Klosterbesitzungen im Brettener Raum verwaltet wurden. Die mächtigen Gewölbekeller des einstigen Zehnthauses sind unter dem Schweizer Hof noch erhalten. Mit dem Bau des Schweizer Hofs selbst wurde 1707 begonnen. Er ist ein typisches Zeugnis für den Wiederaufbau der Stadt im 18. Jahrhundert.

Auch das Gottesackertor war beim Stadtbrand stark beschädigt worden und wurde im 18. Jahrhundert als „ruinös“ bezeichnet. 1789 allerdings wurde es auf Anweisung der kurfürstlichen Chaussee-Kommission noch einmal restauriert, mit einem neuen Wachhaus versehen und zeitweilig als Stadtgefängnis genutzt. Erst 1833 fiel das Tor im Zuge einer Straßenerweiterung der Spitzhacke zum Opfer.

Als 1859 die Gottesackertorstrasse in Melanchthonstrasse umbenannt wurde, war Bretten bereits seit einigen Jahren in eine neue Phase der Stadtentwicklung eingetreten. Seit 1853 hatte die Melanchthonstadt einen eigenen Eisenbahnanschluss, der sie über die Bahnlinie Stuttgart – Mühlacker – Heidelberg mit dem überörtlichen Eisenbahnnetz verband. Dies hatte vielfältige Auswirkungen auf die Brettener Wirtschaft: erste Industriebetriebe entstanden. Auch im Bereich der Melanchthonstrasse machte sich dies bemerkbar.

So begann um 1862 der Brettener Kaufmann Christian Beuttenmüller in der Melanchthonstr. 23 mit der Herstellung von Petroleumlampen – einer ursprünglich in den USA entwickelten technischen Neuerung, die die Beleuchtung der Häuser revolutionierte. Aus diesen Anfängen heraus entstand die Blechwarenfabrik Christian Beuttenmüller und damit einer der zeitweilig wichtigsten Brettener Industriebetriebe. 1866 wurde im westlichen Teil der heutigen Melanchthonstraße (dem Abschnitt jenseits des späteren Kaiserdenkmals, der damals noch „Diedelsheimer Straße“ hieß) eine Trockenanstalt für Zichorien errichtet. Betreiber dieser Einrichtung war die Vaihinger Kaffeeersatz-Fabrik der Gebrüder Franck. Daraus entwickelte sich die noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein bestehende Brettener „Zichorien-Fabrik“. Als Bretten im Jahre 1879 mit dem Anschluss an die Kraichgau-Bahn Karlsruhe – Heilbronn sogar Eisenbahnknotenpunkt wurde und man den Bahnhof vom Süden der Stadt (im Gleisdreieck zwischen den heutigen Stadtbahnhaltestellen „Mitte“ und „Rechberg“) an den neuen, bis heute gegebenen Standort im Westen verlegte, nahmen die industriellen Betriebsgründungen weiter zu. Angesichts der Lage des neuen Bahnhofs gewann auch die nach Westen führende Melanchthonstrasse zusätzliche Bedeutung. 1879, im Jahr der Aufnahme des Zugverkehrs auf der Strecke der Kraichgaubahn, erhielt Bretten ein Gaswerk. Auch dieses entstand im Bereich der westlichen Melanchthonstraße, auf dem späteren Postgelände. Insgesamt nahm die Bebauung westlich des früheren Gottesackertors nun spürbar zu: die Brettener Weststadt entstand.

Schon 1880 erfolgte eine weitere markante Bereicherung des Straßenbildes in der Melanchthonstraße. Der altehrwürdige, aus dem 14. Jahrhundert stammende „Traubenbrunnen“, der zeitweilig auch „Gottesackertorbrunnen“ genannt wurde, erhielt eine neue Gestaltung. Dabei wurde die von einer Figur des „Brettener Hundle“ bekrönte Brunnensäule errichtet. Seitdem ist der Brunnen als „Hundlesbrunnen“ eines der bekanntesten Wahrzeichen der Stadt. Im Juni 1898 wurde noch ein weiteres Denkmal an der Melanchthonstraße errichtet. An der Einmündung der Bahnhofstraße entstand nach einem Entwurf von Prof. Robert Bärwald ein Standbild Kaiser Wilhelms I., der in badischen Landen allerdings auch noch als „Kartätschenprinz“ bekannt und 1849 maßgeblich an der Niederschlagung der demokratischen Revolution beteiligt war. Im Zweiten Weltkrieg wurde dieses Denkmal abgebaut, um es einzuschmelzen, doch blieb es verschont und konnte 1960 mit verändertem Sockel wieder aufgestellt werden. Mit dem Bau des bedeutendsten Denkmals an der Melanchthonstrasse aber wurde im Februar 1897 begonnen. Auf dem Hausplatz „Melanchthonstrasse 1“, auf dem bis zum Stadtbrand von 1689 das Geburtshaus von Philipp Melanchthon gestanden hatte, wurde der Grundstein für das Melanchthon-Gedächtnishaus gelegt. Nach sechsjähriger Bauzeit konnte es 1903 feierlich eröffnet werden. Seitdem gilt es als die bedeutendste Sehenswürdigkeit Brettens und als prächtiges Entrée zu der an dieser Stelle beginnenden Melanchthonstrasse.

Auch im 20. Jahrhundert erlebte die Melanchthonstrasse viele Veränderungen. Im April 1945 durchrollten sie französische Panzer und markierten für die Brettener das Ende des Zweiten Weltkrieges. Beim Bau des innerstädtischen Rings in den siebziger Jahren wurde im Bereich des Gottesackertors z.T. massiv in die Bausubstanz eingegriffen und Mitte der achtziger Jahre wurde der Straßenabschnitt zwischen Gottesackertor und Marktplatz zur Fußgängerzone. 1992 erfuhr der westliche Eingang der Fußgängerzone mit der Errichtung eines Brunnens und einer an das frühere Gottesackertor erinnernden Torskulptur eine gestalterische Aufwertung und zwischen 1997 und 2001 wurde der geschichtsträchtige Schweizer Hof von der Bürgerinitiative Brettener Heimat- und Denkmalpflege saniert. Die Melanchthonstraße hat somit eine bewegte Geschichte – eine Geschichte, die noch lange nicht zu Ende ist und in vieler Hinsicht die Geschichte der Gesamtstadt widerspiegelt.

Dr. Peter Bahn
Leiter des Stadtmuseums Bretten