Schutzengel in der europäischen Neuzeit

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Das Geistesleben der europäischen Neuzeit war von der Reformation und der darauffolgenden Glaubensspaltung geprägt. Der Glaube an Schutzengel jedoch blieb, trotz unterschiedlicher Deutungen im Einzelnen, stets konfessionsübergreifend. So formulierte Martin Luther in den Schlusszeilen seines Morgen- und Abendsegens: „Dein heiliger Engel sei mit mir, dass der böse Feind keine Macht an mir finde.“ Für ihn war der schützende Engel eine besonders anschauliche und personale Form der Gegenwart Gottes. Im katholischen Bereich erklärte Papst Klemens X. im Jahr 1670 den 2. Oktober zum „Tag der heiligen Schutzengel“. Als solcher wird er in der katholischen Kirche noch bis heute begangen.

Im 14. und 15. Jahrhundert erscheinen Engel als schützende Begleiter der Toten auf Grabmälern in Italien. Seit dem 15. Jahrhundert ist die Darstellung des schützenden Erzengels Raphael mit dem kleinen Tobias ein beliebtes Motiv der italienischen Malerei, u.a. bei Tizian. Um 1600 entstehen Kupferstiche mit Darstellungen von Schutzengeln als Begleitern von Heiligen, z.B. der Hlg. Franziska Benedictina.

Im späten 17. Jahrhundert begann sich eine typische, rund zweihundert Jahre lang weit verbreitete Darstellung von Schutzengeln durchzusetzen. Dabei weist der Schutzengel, an Gottes Allmacht und an das notwendige Vertrauen auf den himmlischen Schutz erinnernd, mit einer Hand zum Himmel, während die andere Hand den jeweiligen Schutzbefohlenen hält. Symbolisch erscheint der Schutzengel damit als Mittler zwischen Himmel und Erde, Gott und Mensch. Der Schutzbefohlene selbst ist in vielen Fällen, aber keineswegs immer ein Kind. Von Schutzengeln geleitet und begleitet werden auf diesen Bildern auch Wanderer, Pilger, Heilige, Trauernde, usw.

Die Schutzengel-Bilder jener Zeit wurden überwiegend als Holzschnitte, Kupferstiche oder Radierungen, im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts zuweilen auch als Stahlstiche gedruckt. In manchen Fällen wurden sie von Hand koloriert. Sie repräsentieren eine lange Kontinuität des christlichen Schutzengel-Glaubens in den verschiedensten Ländern Europas und stehen zugleich für die ständige Präsenz dieses Glaubens in der abendländischen Kunst.